Offiziellen Schätzungen zufolge gilt die chronisch obstruktive Lungenerkrankung COPD als dritthäufigste Todesursache weltweit. Umso erstaunlicher, dass die Krankheitsprozesse so lange im Nebel lagen. Doch der Nebel beginnt sich gerade zu lichten …
Kürzlich erschien ein Artikel* auf dem doccheck-Portal, aus dem ich aus mehreren Gründen hier zitieren möchte: Erstens räumt er mit einem Vorurteil auf, das sich lange halten konnte, und zweitens berichtet er von einer Reihe möglicher neuer Therapieansätze, die vielleicht schon bald bei einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) zum Einsatz kommen könnten.
Doch der Reihe nach: Von welchem Vorurteil ist hier die Rede? „Die Lunge galt lange Zeit als ein nahezu steriles Organ. Ein biomedizinischer Reinraum, in dem Sauerstoff und Kohlendioxid stetig ausgetauscht werden, aber Mikroorganismen keinen Platz haben. Heute wissen wir dank moderner molekularbiologischer Methoden jedoch: Die Lunge ist keineswegs keimfrei.“
Wer’s genau wissen will: „Sie (die Lunge) beherbergt ein komplexes Netzwerk von Bakterien und sogar geringe Anteile an Viren und Pilzen, als Einheit bekannt als das Lungenmikrobiom. Diese mikroskopisch kleinen Mitbewohner sind keine passiven Passagiere, sondern aktive Mitgestalter der pulmonalen Homöostase.“

Unter der pulmonalen Homöostase versteht man schlicht die Routinetätigkeit der Lunge, den Sauerstoff- und Kohlendioxidspiegel sowie den pH-Werts im Blut zu regulieren. Dieser Erkenntnis ist es jedenfalls zu verdanken, dass „gerade bei chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) dieses Ökosystem zunehmend in den Fokus der Forschung rückt“.
Wenn das Lungenmikrobiom aus dem Tritt gerät
Und jetzt wird’s interessant, denn so wie für die Darmgesundheit eine gewisse bakterielle Diversität Voraussetzung ist, verhält es sich auch bei der Lunge: „Bei COPD-Patienten ist die Balance des Lungenmikrobioms gestört. Der Begriff ,Dysbiose’ beschreibt den Verlust mikrobieller Vielfalt und eine Verschiebung hin zu pathogenen Keimen, die entzündungsfördernd wirken und Exazerbationen (also eine akute Verschlimmerung der COPD-Symptome wie z. B. Atemnot, Husten und Auswurf, Anm. DP) begünstigen.“
Keiner verlangt, dass Sie sich die Familiennamen jener Bakterienstämme merken müssen, die bei einem COPD-assoziierten Lungenmikrobiom ihr Unwesen treiben (für solche Details habe ich den Artikel unten verlinkt), aber mit welchen Strategien sie vorgehen, nötigt mir immer wieder Respekt ab:
„Diese Bakterien aktivieren über ihre Oberflächenstrukturen Pattern-Recognition-Rezeptoren, die proinflammatorische Signalwege in Gang setzen. Die Folgen sind eine verstärkte Zytokinfreisetzung, Rekrutierung neutrophiler Granulozyten und eine perpetuierende Entzündung, die das Lungengewebe weiter schädigt.“
Mag ja sein, dass der Mensch die Krone der Schöpfung darstellt, aber es schadet nicht, sich hin und wieder klarzumachen, dass ohne Koexistenz mit Bakterien kein Leben vorstellbar ist. Null, niente, nirgendwo!

Zwar gibt es auch andere mögliche Auslöser einer COPD, aber: „Der wichtigste Einflussfaktor auf das Lungenmikrobiom“, betont die Autorin, „ist und bleibt dabei das Rauchen. Dadurch wird ein mikrobielles Umfeld geschaffen, das pathogenen Keimen einen deutlichen Selektionsvorteil verschafft.“
Das ist jedoch bei weitem nicht das einzige Problem. „Hinzu kommt, dass oxidativer Stress und nitrosative Verbindungen aus dem Rauch (die als kanzerogen gelten, Anm. DP) die bakteriellen Gemeinschaften direkt modulieren können.“
Und wohin das führt, sollte auch den letzten unbelehrbaren Raucher:innen klar sein: „So entwickelt sich im Verlauf des Rauchens ein verändertes, instabiles Mikrobiom – ein Zustand, der auch nach Rauchstopp oft lange bestehen bleibt.“
Dass es im Übrigen eine enge Verbindung zwischen Darm und Lunge gibt und warum es nicht verkehrt ist, eine COPD-geschwächte Lunge „vom Darm aus“ zu unterstützen – darüber habe ich hier schon mal berichtet:
Was offenbar immer zurückbleibt, ist eine „mikrobielle Narbe“ in der Lunge, und die „könnte mitverantwortlich dafür sein, dass selbst Ex-Raucher ein erhöhtes Risiko für COPD-Exazerbationen und chronische Entzündungsaktivität behalten“.
Neue Therapien in Sicht?
Wie wichtig die Erforschung des Lungenmikrobioms ist, zeigt die Bandbreite möglicher Therapieansätze, „die von mikrobiomfreundlichen Antibiotikastrategien über inhalative Probiotika bis hin zu mikrobiellen Transplantationen reichen.“
Bei dem Begriff „mikrobiomfreundliche Antibiotikastrategien“ muss ich zwar erstmal tief durchatmen, aber Sie können sich vorstellen, wie sehr mich als Verfechterin der probiotischen Medizin die Aussicht auf inhalative Probiotika begeistert hat.

Da die Existenz des Mikrobioms der Lunge nun über jeden Zweifel erhaben ist, gilt es seine Rolle bei der Gesunderhaltung des Menschen weiter zu erforschen. Schon jetzt scheint festzustehen: „Nicht nur die COPD verändert das Mikrobiom – das Mikrobiom kann auch den Verlauf der COPD mitsteuern.“ Für alle COPD-Patient:innen ist das eine gute Nachricht.
Herzlich, Ihre
Dagmar Praßler
* Alle wörtlichen Zitate entstammen einem Artikel von © Alina Durach, der kürzlich bei DocCheck veröffentlicht wurde.
Quelle: https://www.doccheck.com/de/detail/articles/52182-mikrobiom-copd-die-luft-abschnueren?
Titelbild: © CI PHOTOS / shutterstock
Lungenmikrobiom
In meinem Blog beschreibe ich regelmäßig Erfahrungen aus meiner Praxis, insbesondere den Verlauf einiger konkreter Behandlungen. Ich weise darauf hin, dass die beschriebenen Verläufe Einzelfälle sind und keine allgemein verbindlichen Rückschlüsse daraus gezogen werden können. Andere Menschen können anders reagieren, auch wenn sie die gleiche Behandlung erfahren. Neben den von mir beschriebenen Produkten gibt es fast immer auch weitere von anderen Herstellern.
Es handelt sich in den Beschreibungen um meine subjektiven Wahrnehmungen, ein Heilversprechen ist darin nicht zu sehen. Bei Beschwerden sollten Sie grundsätzlich ärztlichen Rat oder den einer Heilpraktikerin / eines Heilpraktikers einholen.
Im Wechsel zu den Berichten aus der Praxis widme ich mich hier aber auch (unter dem Rubrum „News“) aktuellen Studien, die ich für erwähnenswert halte oder einen direkten Bezug zum Mikrobiom haben. Auch hier handelt es sich ausschließlich um redaktionelle Beiträge.


