Mag ja sein, dass nicht jede Kollision gleich das Gehirn in Mitleidenschaft zieht, aber mit einer Schädel-Hirn-Verletzung ist aus vielen Gründen nicht zu spaßen, traumatisiert sie doch den Darm meistens gleich mit.
„Ich hatte vor zwei Monaten einen Autounfall“, erwähnte mein Patient Simon* (29) fast beiläufig, und es klang, als spräche er von einem kleinen Missgeschick. Nach einem Abend mit Freunden sei er im Dunkeln bei Regen nach Hause gefahren und irgendwie von der Fahrbahn abgekommen. „Ein ziemlicher Schock! Zuerst wusste ich überhaupt nicht, was da gerade passiert war“, beschrieb der junge Mann die kritische Situation. Zum Glück sei gleich ein Ersthelfer zur Stelle gewesen, der dann auch einen Rettungswagen verständigte.
„Als der Sanitäter dann zu mir kam, hat er mir ein paar Fragen gestellt. Zum Beispiel wie ich heiße und welches Datum wir haben. Meinen Namen wusste ich gerade noch, aber das Datum nicht. Ab dann weiß ich gar nichts mehr, bin erst im Rettungswagen wieder aufgewacht. Ich muss mir bei dem Unfall irgendwo ordentlich den Kopf gestoßen haben, denn ich hatte eine heftige Platzwunde. Die ist dann in der Klinik versorgt worden, und zusätzlich musste ich noch ins CT.“
So wurde glücklicherweise eine Blutung im Gehirn ausgeschlossen. Trotzdem musste Simon für 48 Stunden im Krankenhaus überwacht werden. Diagnose: Schädel-Hirn-Trauma!
Achtung, Kopfball-Spezialisten!
Das Schädel-Hirn-Trauma (SHT) kann sehr unterschiedliche Ausprägungen haben. Von einer Gehirnerschütterung mit nur wenigen bzw. nur kurz andauernden Symptomen bis zur schweren Gehirnverletzung mit fehlendem Bewusstsein über einen längeren Zeitraum wird alles zur Diagnose Schädel-Hirn-Trauma gezählt.
Pro Jahr kommt es in Deutschland zu circa 250.000 Schädel-Hirn-Traumata – mit einer nicht zu vernachlässigenden Dunkelziffer. Gerade im Sport werden übrigens laut Experten 40-50% der leichten Schädel-Hirn-Traumata übersehen.

Das ist gefährlich, denn die Symptome korrelieren meist nicht mit den durch das Schädel-Hirn-Trauma ausgelösten Prozessen im Gehirn. Auch bei geringen Symptomen kann das Gehirn also Schäden aufweisen. Besonders gefährlich wird es, wenn es kurze Zeit nach dem ersten Schädel-Hirn-Trauma zu einer weiteren Verletzung kommt. Hier steigt das Risiko für Komplikationen, die sogar lebensgefährlich sein können, stark an.
Diffuse Symptome, verwirrter Patient
Die Symptome von leichteren Schädel-Hirn-Traumata, wie auch Simon eines erlitten hatte, sind oft unspezifisch. Die meisten Betroffenen klagen über Kopfschmerzen, Schwindel oder Übelkeit. Auch die Empfindlichkeit gegenüber lauten Geräuschen oder Licht kann erhöht sein. Warnzeichen für eine schwerere Verletzung sind zum Beispiel ein längerer Verlust des Bewusstseins oder neurologische Ausfälle wie Lähmungen oder Probleme beim Sehen.
Diese Symptome kamen auch Simon bekannt vor: „Die Kopfschmerzen hatte ich tatsächlich nach einer Woche immer noch, aber zum Glück wurde es dann langsam besser“, fasste er zusammen. Zu mir sei er diesmal gekommen, weil er so begeistert war von meinen Erklärungen der Zusammenhänge zwischen Darm und Lunge, als ich im letzten Jahr seine Influenza-Erkrankung behandelt hatte.
Letzteres ist ja gerade jetzt zu Beginn der kalten Jahreszeit wieder ein aktuelles Thema:
Nun wollte Simon wissen, ob er auch nach seinem Schädel-Hirn-Trauma gezielt etwas für seine Gesundheit tun könne. Vor allem trieb ihn die Frage um, ob es ein Risiko für Langzeitschäden gebe.
Von der Gehirnerschütterung zur Demenz
Auch wenn Langzeitfolgen nach einem leichten Schädel-Hirn-Trauma natürlich weniger wahrscheinlich sind als nach schwereren Verletzungen des Gehirns, ist auch dann das Risiko für bestimmte Folgeerkrankungen erhöht. Dazu zählen beispielsweise andauernde Kopfschmerzen, Sehstörungen, schlechter Schlaf und die Entwicklung einer Demenz.
„Für ’ne Demenz fühl’ ich mich nun wirklich noch zu jung …“
„Bitte?“ Simon blickte mich völlig entgeistert an. „Für ’ne Demenz fühl’ ich mich nun wirklich noch zu jung. Kann man da denn nicht irgendwas tun, um das Risiko zu verringern?“ Ich konnte ihn zumindest etwas beruhigen. Tatsächlich kann man aktiv versuchen, das Risiko für Langzeitfolgen eines Schädel-Hirn-Traumas zu verringern. Wie das geht? Das Stichwort lautet: Darm-Hirn-Achse! Wer hätte das gedacht …
Traumatisierte Darm-Hirn-Achse
Es wird vermutet, dass die Darm-Hirn-Achse eine große Rolle bei der Entstehung von Langzeitfolgen eines Schädel-Hirn-Traumas spielt. Wissenschaftliche Untersuchungen konnten bereits zeigen, dass es bei vielen Patientinnen und Patienten nach einem Schädel-Hirn-Trauma zu einer Dysbiose des Darmmikrobioms, teilweise sogar zur Entstehung eines „Leaky-Gut-Syndroms“ und gleichzeitig zu entzündlichen Vorgängen im zentralen Nervensystem kommt.
So gibt es z. B. deutliche Hinweise darauf, dass Störungen der Darm-Hirn-Achse, dabei vor allem solche, die die Darmmikrobiota betreffen, insbesondere den Verlauf von Schädel-Hirn-Traumata erheblich beeinflussen können.

Ich muss nicht extra erwähnen, dass Simon bei meinen Ausführungen immer weiter auf seinem Stuhl zusammensackte. Aber ich würde meinem Patienten diese Darstellung nicht zumuten, wenn es nicht auch Lösungen gäbe. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass er sich der Tragweite seines SHT nicht wirklich bewusst war. Also fuhr ich ungerührt fort:
So wurde beispielsweise nach einem SHT ein übermäßiges Wachstum von Akkermansia muciniphila beobachtet – einem im ersten Schritt Mucin (Schleim) abbauendes Bakterium, das normalerweise die Integrität der Darmbarrierefördert, indem es im zweiten Schritt für die permanente Neubildung des schützenden Mucin sorgt.
Ein übermäßiges Wachstum führt allerdings zu einer erhöhten Darmpermeabilität („Leaky Gut“), weil der Mucin-Nachschub nicht ausreicht. Dieser Prozess unterstützt systemische Entzündungen und geht letztendlich mit einer Reduktion nützlicher kurzkettiger Fettsäuren, insbesondere der Butyrate, einher. Die Folge ist eine Beeinträchtigung der Darm-Hirn-Kommunikation.
Durch die chronische Aktivierung von Mikroglia und Astrozyten (Immunzellen des Gehirns) wird die Entzündung verstärkt, die Genesung verzögert und das Risiko neurologischer Langzeitschäden erhöht.
Wenn Sie jetzt mehr über die Störung der Darmbarriere erfahren möchten, werden Sie hier fündig:
Der erleichterte Patient
Dass die Darm-Hirn-Achse also hier eine wesentliche Rolle spielt, liegt nahe. Diese vorgenannte Neuroinflammation ist an sich nicht negativ, sondern eine normale Reaktion des Gehirns auf die entstandene Verletzung. Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass eine zu starke oder chronische Neuroinflammation mit einem erhöhten Risiko für neurodegenerative Erkrankungen und einem verzögerten Heilungsprozess nach dem Schädel-Hirn-Trauma in Verbindung steht.
Nun konnte ich Simon doch einigermaßen beruhigen, denn die Einnahme von Probiotika mit Lactobazillen und Bifidobakterien wirkte sich in Studien positiv auf das Darmmikrobiom, aber auch auf Entzündungsvorgänge und die neurologischen Ergebnisse der Patientinnen und Patienten aus. Mein Patient wurde in seinem Stuhl langsam wieder größer.
Genau diese Bakterienstämme, die für eine optimale Unterstützung des Darmmikrobioms und der Darm-Hirn-Achse sorgen, enthält OMNi BiOTiC® SR-9, das haben verschiedene Studien gezeigt. Deshalb riet ich auch Simon dazu, dieses Probiotikum jetzt für einige Monate einzunehmen, um seine Darmmikrobiota wieder ins Gleichgewicht zu bringen und die Darm-Hirn-Achse zu unterstützen.
Brain Food ist besser als Brain Foul
Zusätzlich empfahl ich meinem Patienten, auf eine ausreichende Aufnahme von Omega-3-Fettsäuren zu achten. Vor allem die Docosahexaensäure (DHA) ist wichtig für das Gehirn, weil es einen Baustein von Zellmembranen im Gehirn darstellt. Außerdem wirken Omega-3-Fettsäuren antientzündlich. Besonders viele Omega-3-Fettsäuren finden sich in Fisch (vor allem Lachs, Makrele, Hering und Sardelle), aber auch in Fisch- oder Algenöl.

Wenn man sich mit seiner Ernährung voll und ganz auf die Gesundheit des Gehirns fokussieren möchte, kann man die sogenannte MIND-Diät ausprobieren. Die kombiniert die mediterrane Ernährung mit der sogenannten DASH-Diät, die besonders auf eine Senkung des Blutdrucks abzielt.
In der Kombination soll die MIND-Diät beispielsweise das Demenzrisiko senken und Alterungsprozesse des Gehirns verlangsamen. Auch nach einem Schädel-Hirn-Trauma kann eine MIND-Diät sinnvoll sein. Bestandteile der MIND-Diät sind beispielsweise Beeren, die Antioxidantien und die Hirnleistung verbessernde Flavanole enthalten.
Flavanole sind eine Untergruppe von Flavonoiden, also sekundärer Pflanzenstoffe, die vor allem in Roh-Kakao, Tee und Beeren vorkommen. Auch grüne Blattgemüse, Bohnen, Nüsse, (vor allem Walnüsse), Olivenöl, Fisch (oder -öle) und Vollkornprodukte sind Teil der MIND-Diät. Nicht empfohlen werden rotes Fleisch, Butter und Margarine, Kuhmilch-Käse, Zucker, Fastfood, Frittiertes und Verbranntes.

„Damit kriegen Sie mich. Ich wusste gar nicht, dass ich in Wahrheit so auf Flavanole stehe, aber dafür lass’ ich den ganzen anderen Mist gern stehen.“ Simon hatte sich von seinem Schreck erholt und verabschiedete sich zuversichtlich. Nun kenne ich diese Euphorie sehr gut von meinen Patienten, häufig scheitert aber zu Hause die konsequente Umsetzung. Ich verabredete mit Simon deshalb ein 4-wöchiges Feedback, bis ich mir sicher sein kann, dass die Einnahme des Probiotikums und die MIND-Diät für ihn in Fleisch und Blut übergangen sind. Obwohl, zutrauen würd’ ich es ihm.
Es grüßt Sie herzlich
Ihre
Dagmar Praßler
Titelbild: © Bits And Splits / shutterstock
Darm-Hirn-Achse
In meinem Blog beschreibe ich regelmäßig Erfahrungen aus meiner Praxis, insbesondere den Verlauf einiger konkreter Behandlungen. Ich weise darauf hin, dass die beschriebenen Verläufe Einzelfälle sind und keine allgemein verbindlichen Rückschlüsse daraus gezogen werden können. Andere Menschen können anders reagieren, auch wenn sie die gleiche Behandlung erfahren. Neben den von mir beschriebenen Produkten gibt es fast immer auch weitere von anderen Herstellern.
Es handelt sich in den Beschreibungen um meine subjektiven Wahrnehmungen, ein Heilversprechen ist darin nicht zu sehen. Bei Beschwerden sollten Sie grundsätzlich ärztlichen Rat oder den einer Heilpraktikerin / eines Heilpraktikers einholen.
Im Wechsel zu den Berichten aus der Praxis widme ich mich hier aber auch (unter dem Rubrum „News“) aktuellen Studien, die ich für erwähnenswert halte oder einen direkten Bezug zum Mikrobiom haben. Auch hier handelt es sich ausschließlich um redaktionelle Beiträge.







