Manchmal staune ich selbst über die schier unglaubliche Anzahl an Krankheiten, die mir im Laufe der Jahre unter die Augen gekommen sind. Vom ererbten Angio-Ödem über das Roemheld-Syndrom bis zur Krätze. Manche waren mit bloßem Auge zu erkennen, andere bedurften detektivischen Spürsinns, aber irgendwie hingen alle mit dem Darmmikrobiom zusammen. Ohne hier vorgreifen zu wollen – das gilt auch für den Fall, von dem ich heute berichten will.
Eine Patientin, die ich schon länger kenne, lief mir zufällig über den Weg, als sie gerade von ihrer Hautärztin kam. Sie war noch einigermaßen geschockt von der Diagnose: „Dass ich auf einmal eine Autoimmunerkrankung haben soll, haut mich um“, gestand sie. Dabei hatte alles relativ harmlos damit begonnen, dass ihr „im Intimbereich so helle Flecken aufgefallen“ waren.
Vor mehreren Jahren hatte ich Anneliese* (58) bei ihrem Kampf gegen hartnäckige Wechseljahresbeschwerden unterstützt, und sie war froh, diese Zeit endlich hinter sich gelassen zu haben. „Eigentlich fühle ich mich ziemlich fit“, befand sie, „deshalb bin ich auch überhaupt nicht begeistert von dieser neuen Entwicklung.“
Erst hatte sie noch gehofft, dass sich hinter den Flecken nichts weiter verbergen würde, aber nachdem an diesen Stellen auch noch Juckreiz auftrat, sei sie schließlich doch zu ihrer Hautärztin gegangen. „Und jetzt das.“

Bei ihr wurde zweifelsfrei ein Lichen sclerosus diagnostiziert. Diese chronisch-entzündliche Hauterkrankung – früher auch „Weißfleckenkrankheit“ genannt – befällt Frauen typischerweise nach der Menopause, während sie bei Männern eher nach der Pubertät auftritt. Ursächlich ist vermutlich vor allem eine Autoimmunreaktion, und die kommt selten allein:
Die Erkrankten sind zu 20-30% auch von anderen Autoimmunkrankheiten (wie etwa Schilddrüsen-erkrankungen) betroffen. Möglicherweise spielt auch eine erbliche Veranlagung eine Rolle. Ich bot ihr an, mich gleich am nächsten Tag in der Praxis aufzusuchen und nahm mir vor, bis dahin noch etwas mehr über diese Krankheit in Erfahrung zu bringen.
„Sklerotisch? Ich bin doch keine Greisin!“
Die in Schüben auftretenden Hautveränderungen des Lichen sclerosus betreffen vor allem den Genitalbereich. Bei Frauen treten die weißlichen, auch als porzellanfarben bezeichneten Hautveränderungen häufig im Bereich der Schamlippen auf. Hier kann es zu Juckreiz oder Schmerzen kommen.
Im Verlauf können sich flächige, erhabene Veränderungen ausbilden. Außerdem kann sich die Haut ohne adäquate Therapie im betroffenen Bereich teilweise verhärten (daher auch der Namenszusatz „sclerosus“), was zu Problemen beim Wasserlassen oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr führen kann.
„So schlimm ist es bei mir noch nicht, aber sklerotisch? Ich bitte Sie, ich bin doch keine Greisin!“ Anneliese war immer noch ziemlich aufgebracht, aber mit dem Hinweis, dass ihre Erkrankung ja weder ansteckend noch eine Geschlechtskrankheit sei und auch nichts mit mangelnder Hygiene zu tun habe, konnte ich sie etwas besänftigen.

Auch Männer sind keineswegs vor den weißlichen Veränderungen gefeit, allerdings erkranken sie deutlich seltener als Frauen. Das Geschlechterverhältnis gegenüber Frauen liegt bei ca. 1:10. Betroffen sind bei ihnen primär Vorhaut und Eichel, und auch hier kann die Verhärtung des Gewebes zu Schmerzen oder sogar einer Phimose (Vorhautverengung) führen. Zusätzlich kann es auch zu Hautveränderungen in anderen Bereichen wie etwa dem Hals oder den Armen kommen.
Eine Therapie ist also dringend angeraten, um eine Verfestigung des Gewebes mit möglichen Komplikationen zu vermeiden. Es gibt jedoch noch einen weiteren wichtigen Grund: Aus den Läsionen des Lichen sclerosus kann sich im Laufe der Zeit ein Vulva- oder Peniskarzinom entwickeln. Für Anneliese stand außer Frage, dass sie das Risiko durch eine konsequente Therapie reduzieren wollte. Und selbstverständlich würde sie regelmäßigen Kontrollen der betroffenen Hautareale zustimmen, um mögliche Auffälligkeiten früh zu erkennen.
Den Juckreiz einfach aussitzen
Zur traditionellen Therapie des Lichen sclerosus gehört eine lokale Behandlung mit einer Kortisonsalbe. In besonders schweren Fällen kommt als kortisonfreie Alternative auch eine Behandlung mit Calcineurin-Inhibitoren (CNI) in Frage. Calcineurin-Inhibitoren (CNI) sind eine Gruppe von Medikamenten, die das Immunsystem dämpfen (Immunsuppressiva).
Weitere wichtige Maßnahmen sind die regelmäßige Hautpflege des betroffenen Bereichs mit fettenden Cremes und der Verzicht auf scheuernde oder synthetische Unterwäsche. Um die empfindliche Haut im Intimbereich zu schonen und Hitzestau zu vermeiden, sollte Anneliese nur weiche, atmungsaktive Unterwäsche verwenden, ob aus Baumwolle, Bambusviskose oder medizinischer Seide.
Beim Waschen des Intimbereichs sollte sie auf duftstoffhaltige Seifen verzichten und idealiter nur Wasser verwenden. Außerdem riet ich Anneliese zu Sitzbädern, und ich erzählte ihr von einem neuen probiotischen Hautbad, das – ursprünglich für Neurodermitis-Patienten entwickelt – bei allen Formen einer Hautentzündung hochwirksam zu sein scheint, wie mir meine Patienten immer wieder berichten.
Es enthält neun probiotische Bakterien und ist frei von chemischen Zusätzen. Anneliese war zwar ziemlich verblüfft, dass sie sich nun „in Bakterien setzen sollte“, aber sie kannte ja mein Faible für die probiotische Medizin. Danach sollte sie allerdings unbedingt eine rückfettende Creme auftragen. Wenn auch Sie mehr über lebende, hilfreiche Bakterien im Bad wissen möchten, bitte sehr:
Dass sich der Juckreiz beim Baden bessert, sei ihr auch schon aufgefallen, bemerkte sie und nahm sich vor, künftig häufiger ein Sitzbad zu nehmen. Bei starken Beschwerden – Anneliese hoffte noch, dass es gar nicht so weit kommen würde – kann auch gezielte Physiotherapie zur Entspannung des Beckenbodens dabei helfen, die Schmerzen zu lindern. (Das gilt übrigens ganz generell für Entspannungsverfahren zur Stressreduktion.)
Was Autoimmunerkrankungen gemein haben
Viele Autoimmunerkrankungen werden mit einer gestörten Darmbarriere assoziiert, was zwangsläufig das Immunsystem auf den Plan ruft, das dann mit überschießenden Entzündungsprozessen reagiert! Bei Lichen sclerosus vermutet man einen ähnlichen Mechanismus. So gibt es Hinweise darauf, dass bei dieser Krankheit sowohl das Darmmikrobiom als auch das vaginale Mikrobiom eine Rolle spielen.
Auffällig ist, dass bei Lichen sclerosus Bakterien der Gattung Roseburia kaum vertreten sind. Die sind allerdings besonders gefragt, wenn es um die Produktion kurzkettiger Fettsäuren geht, die wiederum zur Ernährung anderer Darmbakterien nötig sind und das Immunsystem beeinflussen können.
Es ist also nicht von der Hand zu weisen, dass womöglich eine Dysbiose des Darmmikrobioms an der Entstehung oder Aufrechterhaltung der Autoimmunreaktion beim Lichen sclerosus beteiligt ist.
Was muss daher den Maßnahmenkatalog anführen? Richtig. Die Stärkung der Darmbarriere. Deshalb riet ich Anneliese zur Einnahme eines Multispezies-Probiotikums wie OMNi BiOTiC® 6. Die darin enthaltenen aktiven Darmbakterien gehören zu den sechs wichtigsten Leitkeimstämmen, deren vornehmste Aufgabe es ist, die Darmbarriere gegen fremde Keime abzusichern und so einer Dysbiose bzw. der Entstehung eines Leaky Gut vorzubeugen. Warum dies immer eine gute Idee ist, habe ich hier schon mal beschrieben:
Entzündliches gehört nicht auf den Teller
Wirksam unterstützen kann man diese bakterielle Armada durch die Art der Ernährung. Bei Autoimmunerkrankungen sollte diese möglichst antientzündlich sein. Ganz neu war für Anneliese dieser Fokus auf die Ernährung nicht, war sie doch schon mal wegen ihrer Rückenschmerzen und zuletzt wegen ihrer Wechseljahresbeschwerden bei mir in Behandlung – hier nachzulesen:
Eine antientzündliche Ernährung ist gerade bei Lichen sclerosus eine gute Idee. Wichtig ist hier zum Beispiel der Verzicht auf größere Mengen entzündungsfördernder Omega-6-Fettsäuren, wie man sie unter anderem in Fleisch- und Wurstwaren, aber auch in Sonnenblumenöl oder Hühnereiern findet.
Besser sind da Omega-3-Fettsäuren, die beispielsweise in Seefisch oder Leinöl enthalten sind. Leider ist auch ein hoher Zuckerkonsum entzündungsfördernd. Anneliese zeigte mit einem resignierten Kopfnicken, dass ihr die Konsequenzen bewusst waren. Angesichts der nahenden Weihnachtszeit mag so ein Verzicht nicht ganz einfach sein, aber für meine Patientin waren die Prioritäten glasklar:
„Wenn dieses verdammte Jucken dadurch weniger wird, streiche ich eben Lebkuchen und Co.“
Ich zog meinen imaginären Hut vor so viel Entschlossenheit. Neben zuckerhaltigen sollte Anneliese vor allem hochverarbeitete Lebensmittel wie die berüchtigten „Fertiggerichte“ meiden, weil deren Inhaltsstoffe oft Entzündungen auslösen oder verschlimmern können.
Anders bei frischen, vollwertigen Lebensmitteln, wo eine solche Wirkung doch eher unwahrscheinlich ist. Der Schwerpunkt sollte – natürlich! – auf frischem Obst und Gemüse liegen, weil sie ein guter Quell für Antioxidantien sind. (Am besten mehr warmes Gemüse als kaltes Obst.)

Auf die Streichliste gehören aber nicht nur Zucker und Fertiggerichte, sondern auch Milchprodukte, rotes Fleisch, Chips und Weißmehlprodukte sowie Alkohol. Annelieses fragend hochgezogenen Augenbrauen entnahm ich, dass sie diesen Zusammenhang noch gar nicht bedacht hatte.
Und die Positiv-Liste? Hier verwies ich meine Patientin auf einschlägige Ratgeber, wie sie zuhauf im Internet zu finden sind. Die gute Nachricht ist: Es gibt mehr anerkannt entzündungshemmende Nahrungsmittel, als uns bewusst ist!
Spot auf das vaginale Mikrobiom
Dass beim Lichen sclerosus neben dem Darmmikrobiom auch das vaginale Mikrobiom Beachtung verdient, ergibt sich schon aus dem Ort des Geschehens, siedeln sich doch die weißen Flecken besonders gern auf und neben den Schamlippen an. Über die Regulation des pH-Werts ließe sich vermutlich verhindern, dass sich hier schädliche Bakterien oder andere Krankheitserreger ansiedeln können.
Eine wichtige Rolle spielen dabei die Laktobazillen (auch Milchsäurebakterien genannt). So kann es kaum überraschen, dass sich bei Lichen sclerosus eben jene Laktobazillen rar machen und gleichzeitig ein Anstieg entzündungsfördernder Bakterien wie Gardnerella oder Prevotella im vaginalen Mikrobiom verzeichnet wird. Gerade die könnten über chronische Entzündungsprozesse an den juckenden Hautveränderungen beteiligt sein.
Die Kortisonsalbe, die ihr von ihrer Hautärztin verschrieben wurde, soll diese Entzündungsprozesse unterdrücken. Was diese Salbe aber nicht vermag, ist die gezielte Unterstützung des vaginalen Mikrobioms. Daher empfahl ich Anneliese zusätzlich die Einnahme von OMNi BiOTiC® WOMAN, einem Probiotikum, das besonders viele Laktobazillen enthält und für jenen pH-Wert in der Scheide sorgt, in dem sich unerwünschte Keime und Pilze gar nicht erst vermehren können!
Anneliese fand meine Vorschläge ganz überzeugend, und angesichts ihrer Entschlossenheit und Disziplin bin ich zuversichtlich, dass wir nicht nur ihren Juckreiz unterbinden können, sondern die Krankheit stoppen, bevor sie „sklerotisch“ und dadurch schmerzhaft wird.

In Deutschland ist Lichen sclerosus übrigens gar nicht so selten: Es trifft Schätzungen zufolge etwa jede 50. Frau im Laufe ihres Lebens. Meine unmaßgebliche Meinung: Wer aktiv für eine Stärkung der eigenen Darmbarriere sorgt, dürfte insgesamt die besseren Karten haben …
Herzlich, Ihre
Dagmar Praßler
* Name geändert
Titelbild: © shutterstock_4228664069 (KI-generiert)
In meinem Blog beschreibe ich regelmäßig Erfahrungen aus meiner Praxis, insbesondere den Verlauf einiger konkreter Behandlungen. Ich weise darauf hin, dass die beschriebenen Verläufe Einzelfälle sind und keine allgemein verbindlichen Rückschlüsse daraus gezogen werden können. Andere Menschen können anders reagieren, auch wenn sie die gleiche Behandlung erfahren. Neben den von mir beschriebenen Produkten gibt es fast immer auch weitere von anderen Herstellern.
Es handelt sich in den Beschreibungen um meine subjektiven Wahrnehmungen, ein Heilversprechen ist darin nicht zu sehen. Bei Beschwerden sollten Sie grundsätzlich ärztlichen Rat oder den einer Heilpraktikerin / eines Heilpraktikers einholen.
Im Wechsel zu den Berichten aus der Praxis widme ich mich hier aber auch (unter dem Rubrum „News“) aktuellen Studien, die ich für erwähnenswert halte oder einen direkten Bezug zum Mikrobiom haben. Auch hier handelt es sich ausschließlich um redaktionelle Beiträge.











