Zugegeben: Ich musste mir auch die Augen reiben, als ich las, dass Rauchen zu etwas gut sein soll. Aber bei näherer Betrachtung ist diese neue Studie dann doch nicht der ersehnte Freispruch für Raucher …
Es klingt, als ob der Tabakindustrie plötzlich ein unerwartetes Geschenk gemacht wurde – ausnahmsweise von Wissenschaftlern, die NICHT von ihnen bezahlt wurden: „Tabakrauchen ermöglicht es Bakterien, die normalerweise nur in der Mundschleimhaut vorkommen, sich im Darm auszubreiten, was bei Patienten mit Colitis ulcerosa die Entzündung der Darmschleimhaut hemmt.“ *
Was so klingt, als ob alle Erkenntnisse zur schädlichen Wirkung des Rauchens auf den Kopf gestellt worden seien, wird freilich schnell relativiert: Erstens wurde die Studie explizit unternommen, um „auf mögliche Alternativen zum Rauchen“ hinzuweisen, und zweitens profitieren wohl nur Colitis-ulcerosa-Patienten vom Rauchen, „während es beim Morbus Crohn einen gegenteiligen Effekt hat.“
Im Übrigen wird der schützende Effekt bei Colitis ulcerosa in erster Linie dem Nikotin zugeschrieben, nicht dem Tabakrauch selbst. So ist der positive Effekt auch durch „Vapen“ (E-Zigaretten) prinzipiell möglich, sofern das Liquid ausreichend Nikotin enthält. Was natürlich ein Widerspruch in sich ist, wurde doch diese neue Art des „Dampfens“ angepriesen als ein Weg, dem Nikotin zu entsagen!
Offenbar ist schon länger bekannt, dass „Tabakrauchen das Leiden der Menschen mit Colitis ulcerosa mildert“, nur lagen die Gründe bisher im Dunkeln. Umso verblüffender sind die vielfältigen positiven Ausprägungen des Rauchens zu bewerten, soweit sie diese eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung betreffen, die ausschließlich die Schleimhaut des Dickdarms befällt:
„Epidemiologische Studien haben gezeigt, dass Raucherinnen und Raucher seltener an einer Colitis ulcerosa erkranken. Bei manchen Personen tritt die Erkrankung erstmals auf, wenn sie das Rauchen aufgegeben haben.“
Wenn Sie trotzdem den inneren Schweinehund besiegen wollen, hätte ich hier einen Vorschlag:
Auch ansonsten scheint es sich (aber wirklich nur in diesem Kontext) auszuzahlen, der Nikotinsucht zu frönen: „Rauchende Menschen erleiden seltener Rezidive, sie müssen nicht so oft im Krankenhaus behandelt werden, benötigen weniger Steroide und es kommt seltener zu Kolektomien“ (der operativen Entfernung des gesamten oder eines Teils des Dickdarms, Anm. DP).
Klingt doch toll, oder? Bevor jetzt jedoch notorische Raucher daraus ein Argument zum Weitermachen wie bisher machen können, sei ihnen gesagt: Auch die entsprechenden Leitlinien betonen, dass „die Nachteile durch atherosklerotische Erkrankungen, Lungenschäden und Krebserkrankungen überwiegen“.
Neues Tätigkeitsfeld für Probiotika?
Angefangen hatte es mit einer Analyse der Mikrobiome in Mundschleimhaut und Darmflora. Als das Team um einen japanischen Forscher in Yokohama erkannte, „dass Raucher häufiger Bakterien im Darm haben, die bei gesunden Menschen nur in der Mundschleimhaut vorkommen“, lag die Vermutung nahe, „dass sie mit dem Speichel dorthin gelangen, den Raucher und Nichtraucher beim Essen oder Trinken mit herunterschlucken“.
Dazu muss man nämlich wissen: „Bei Nichtrauchern überleben die Bakterien die Passage zum Enddarm nicht.“
Es wurde vermutet, dass „Chemikalien im Tabakrauch“ diese Ansiedlung ermöglicht haben. Jedenfalls fand man im Stuhl von Rauchern „erhöhte Konzentrationen von kurzkettigen Fettsäuren und von aromatischen Verbindungen im Vergleich zu den Personen, die mit dem Rauchen aufgehört hatten“.

Es folgte, was folgen musste: Man bediente sich keimfrei aufgewachsener Mäuse, „die ein erhöhtes Risiko für eine Colitis ulcerosa hatten“, um Klarheit zu erhalten. Nach der Besiedelung der Mäusedärme mit einer jener Substanzen, die im Darm der rauchenden Patienten gefunden worden waren (Streptococcus mitis), „kam es zu einem Rückgang der Schleimhautentzündungen“.
Dies lag wohl daran, dass Streptococcus mitis „in der Darmschleimhaut die Bildung von TH1-Zellen fördert. Sie stoppen dort eine Entzündung, die bei der Colitis ulcerosa von TH2-Zellen ausgeht“.
Nun möchte ich das Vorgehen bei dieser Studie keineswegs kritisieren, aber: Eine Balance zwischen TH1-und TH2-Zellen erreichen wir z. B. mit OMNi-BiOTiC® 6 auch, OHNE zur Zigarette greifen zu müssen.
Zwar steckt die Erforschung dieser Zusammenhänge noch in den Kinderschuhen, aber mit den bisherigen Ergebnissen erhofft man sich zumindest „neue Ansätze für die Behandlung der Colitis ulcerosa. Sie könnte aus Probiotika mit S. mitis oder auch aus einer oralen Behandlung mit Hydrochinon bestehen.“ Und das hört man als Verfechterin der probiotischen Medizin natürlich gern!
Herzlich, Ihre
Dagmar Praßler
Titelbild: © Milinda Srimal Rathnayake @ shutterstock
In meinem Blog beschreibe ich regelmäßig Erfahrungen aus meiner Praxis, insbesondere den Verlauf einiger konkreter Behandlungen. Ich weise darauf hin, dass die beschriebenen Verläufe Einzelfälle sind und keine allgemein verbindlichen Rückschlüsse daraus gezogen werden können. Andere Menschen können anders reagieren, auch wenn sie die gleiche Behandlung erfahren. Neben den von mir beschriebenen Produkten gibt es fast immer auch weitere von anderen Herstellern.
Es handelt sich in den Beschreibungen um meine subjektiven Wahrnehmungen, ein Heilversprechen ist darin nicht zu sehen. Bei Beschwerden sollten Sie grundsätzlich ärztlichen Rat oder den einer Heilpraktikerin / eines Heilpraktikers einholen.
Im Wechsel zu den Berichten aus der Praxis widme ich mich hier aber auch (unter dem Rubrum „News“) aktuellen Studien, die ich für erwähnenswert halte oder einen direkten Bezug zum Mikrobiom haben. Auch hier handelt es sich ausschließlich um redaktionelle Beiträge.





