Was sind schon „gute Gene“ gegen eine feindliche Umwelt?

Dass Umweltbelastungen unser Immunsystem und Mikrobiom nicht unberührt lassen, wird wohl niemanden überraschen. Welche Faktoren sich dabei wie auswirken, ist seit kurzem Gegenstand eines groß angelegten Forschungsprojekts.
Dass Umweltbelastungen unser Immunsystem und Mikrobiom nicht unberührt lassen, wird wohl niemanden überraschen. Welche Faktoren sich dabei wie auswirken, ist seit kurzem Gegenstand eines groß angelegten Forschungsprojekts.

Es gibt einen Begriff, den man sich merken muss, weil er wohl künftig häufiger genannt werden wird: One Health. Gemeint ist damit eine Herangehensweise, bei der „die Gesundheit von Umwelt, Tieren und Menschen gemeinsam gedacht wird“. *

In diesem Fall geht es um die Art und Weise, wie Umweltbelastungen auf das Immunsystem des Menschen einwirken, konkret, wie „Schadstoffe und Stress“ das Mikrobiom bei Schwangeren, Kindern und Jugendlichen beeinflussen.

Schon die Phalanx der untersuchten chemischen Schadstoffe ist beachtlich: Neben den Ewigkeits-Chemikalien, den per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen (PFAS), gilt die Aufmerksamkeit z. B. den Phthalaten und Bisphenol A. Diesen Substanzen sagt man nach, dass sie „die Immunantwort im Allgemeinen sowie auf Impfungen verringern und Anfälligkeiten für Infektionen erhöhen“ können.

Dankenswerterweise werden in diesem One-Health-Projekt aber auch „Stressfaktoren wie soziale Ungleichheit, ungünstige Wohnumgebung, psycho-sozialer Stress oder Klimaveränderungen“ berücksichtigt, die sich „negativ auf die Funktionalität des Immunsystems“ auswirken.

SrideeStudio @ shutterstock_2695031269

Dass daneben auch „Antibiotika und ungesunde Ernährung“ in die Überlegungen einbezogen werden, liegt da schon näher, ist uns allen doch hinlänglich bekannt, welche negativen Auswirkungen sie auf das Mikrobiom haben, „die Gesamtheit der Mikroorganismen im menschlichen Körper“. 

Da der Startschuss für das Projekt erst im Juli stattfand, kann man jetzt zwar noch keine Ergebnisse erwarten, aber man darf zu Recht gespannt sein, denn ein Teilziel besteht darin, „das Darmmikrobiom im Jugendalter zu charakterisieren“, und allein das mutet ziemlich ambitioniert an:

„Wir untersuchen die gesamte genetische Information der mikrobiellen Gemeinschaft des Darms und korrelieren diese mit psychosozialen und sozioökonomischen Faktoren“. Wow! 

Im Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses stehen dabei die „Wechselwirkungen zwischen Umwelteinflüssen, Struktur und Funktionen des Mikrobioms, viralen Infektionen und Immunreaktionen“. 

In diesem Zusammenhang sollen auch drei zentrale Krankheitserreger näher untersucht werden: „Masernviren, das Epstein-Barr-Virus (EBV) und SARS-CoV-2 (Coronavirus)“ – mit der Intention, „wissenschaftliche Grundlagen für Empfehlungen für Prävention, Impfstrategien und umweltbezogene Gesundheitsbewertung zu liefern“.

Wahrlich ein sehr komplexer (und lohnender) Forschungsgegenstand, der sicher viele wichtige Erkenntnisse liefern wird. Denn wir mögen ja hinreichend sensibilisiert sein für die Auswirkungen von Chemikalien auf unser Ökosystem im Darm. Etwas anderes ist es schon beim Thema Klimawandel und Stress. Erst langsam beginnen wir zu verstehen, in welchem Maße höhere Temperaturen und veränderte Lebensräume als gewichtige Stressoren wirken, die der Vielfalt der Mikroorganismen letztlich an den Kragen gehen.

New Africa @ shutterstock_2476290513

Was ebenfalls gern übersehen wird, ist der fehlende Naturkontakt: In stark urbanisierten Gebieten fehlt einfach der Kontakt zu gesunden Umweltmikroben (den sogenannten „alten Freunden“), was das Immunsystem und die Stressresilienz negativ beeinflussen kann.

Dass sich das hier beschriebene „One-Health-Projekt“ auch für Stressfaktoren interessiert, die aus sozialer Ungleichheit und ungünstiger Wohnumgebung resultieren, erscheint mir als das eigentlich Neue. Wie gesagt: Auf die Ergebnisse dürfen wir gespannt sein. 

In der Zwischenzeit tun wir gut daran, ausreichend Ballaststoffe zu essen, damit die nützlichen Bakterien daraus kurzkettige Fettsäuren bilden können, die wiederum unsere Darmschleimhaut abdichten. Denn für ein funktional intaktes Immunsystem ist nun mal ein gesundes Darmmikrobiom entscheidend!

Herzlich, Ihre
Dagmar Praßler

* Alle wörtlichen Zitate entstammen einer Meldung, die im Juni dieses Jahres auf dem Online-Portal der Medizinischen Hochschule Hannover veröffentlicht wurde. © Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung GmbH – UFZ

Quelle: https://www.mhh.de/presse-news/wie-umweltbelastungen-das-immunsystem-veraendern

Titelbild: © Quality Stock Arts @ shutterstock_1150286858

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