Etwa fünf bis zehn Prozent aller Krebserkrankungen sind auf genetische Veranlagungen zurückzuführen. Mit Hypochondrie hat es also nichts zu tun, wenn sich Menschen nach einer entsprechenden Diagnose im familiären Umfeld Sorgen um die eigene Gesundheit machen …
Vor einiger Zeit begegnete ich auf einer medizinischen Veranstaltung einem Referendar, der recht bedrückt in einer Ecke herumstand. Ich nahm an, dass Julian* (27) unter dem schulischen Stress litt, dem er im Referendariat ausgesetzt war, aber wie sich herausstellte, nagte etwas ganz anderes an ihm:
„Mein Vater hat mit 47 Jahren die Diagnose Darmkrebs bekommen“, offenbarte er mir nach einigem Zögern. Zum Glück seien die ÄrztInnen bezüglich der Prognose einigermaßen zuversichtlich, und nach einer Operation würde jetzt noch eine Chemotherapie folgen. Er gestand auch, dass es nicht einfach für ihn sei, seinen Vater in dieser Zeit zu begleiten.
Was Julian aber am meisten umtrieb, war die Tatsache, dass es sich bei der Krebserkrankung seines Vaters wohl um eine erbliche Form handelte. Verständlich, dass seine Fragen und Sorgen um dieses Thema kreisten, und er hatte sich sogar schon einen Termin für eine humangenetische Beratung besorgt.

Dort sollte zunächst geklärt werden, ob er sich auch testen lassen wollte und welche Vorsorgemöglichkeiten es gebe, falls er dieses erbliche Tumorsyndrom auch haben sollte. Statt der Sorge um die nächste Unterrichts-Hospitation stand für ihn plötzlich die Frage im Raum: „Was, wenn ich womöglich auch bald Krebs bekomme?“
Zum Glück habe er eine sehr enge Beziehung zu seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder, der sich, „was die Krankheit betrifft, natürlich in der gleichen Situation befindet. So habe ich zumindest immer jemanden zum Reden.“
Ein Erbe, das man nicht einfach ausschlagen kann
Sogenannte erbliche Tumorsyndrome sind meist durch Mutationen in bestimmten Genen bedingt, die eigentlich die Entstehung von Krebs verhindern sollen. Sind diese Gene mutiert, können sich mutierte Zellen ungehindert vermehren, Schäden an der DNA würden dann nicht mehr repariert werden. So steigt das Risiko für Krebserkrankungen.
Die Betroffenen von Krebserkrankungen aufgrund des erblichen Tumorsyndroms erkranken durch das erhöhte Risiko oft schon in jüngerem Alter an Krebs. So auch Julians Vater, der mit seinen 47 Jahren jünger als der durchschnittliche Darmkrebspatient ist.
Das Gespräch mit Julian hatte jedenfalls dazu geführt, dass ich mich eingehender mit diesen genetischen Zusammenhängen befasste. Dabei erfuhr ich, dass – den stetig verbesserten technologischen Möglichkeiten zur Testung verschiedener genetischer Merkmale von Tumoren sei Dank – immer mehr Menschen mit erblichem Tumorsyndrom identifiziert werden können. Und dass man trotzdem nur bei einem Teil der erblichen Tumorerkrankungen das verantwortliche Gen ausgemacht hat.
Die Suche nach dem verantwortlichen Gen
So haben etwa beim Darmkrebs ca. 3 bis 4% der Betroffenen ein spezifisches (und schon besser erforschtes) Tumorsyndrom und weitere 16 bis 17% eine familiäre Form von Darmkrebs, bei der kein einzelnes verantwortliches Gen gefunden werden kann und vermutlich mehrere Gene in Kombination zu dem erhöhten Krebsrisiko führen.

Die Identifikation eines erblichen Tumorsyndroms als Auslöser einer Krebserkrankung kann einerseits ein prognoseverändernder Faktor bei Krebserkrankungen sein, andererseits auch zielgerichtete Früherkennungsmaßnahmen für die betroffenen Familienmitglieder ermöglichen. Welche Maßnahmen notwendig sind, hängt von dem spezifischen Tumorsyndrom ab.
Das Lynch-Syndrom – in der Häufigkeit Spitze
Das Lynch-Syndrom, jenes Tumorsyndrom, von dem auch Julians Vater betroffen ist, stellt die häufigste Form des erblichen Darmkrebses dar. Etwa zwei bis drei Prozent der Darmkrebsfälle lassen sich auf das Lynch-Syndrom zurückführen. Es vereint Mutationen von insgesamt vier verschiedenen Genen, die alle eine ähnliche Funktion im Körper ausüben. Sie sind Teil der sogenannten „Mismatch-Reparatur-Gene“ und können Fehler im Aufbau der DNA erkennen und ausbessern.
Da diese Gene nicht nur in der Darmschleimhaut, sondern in allen Körperzellen vorkommen, erhöht das Lynch-Syndrom neben dem Dickdarmkrebs-Risiko auch das Risiko für Krebserkrankungen von z. B. Magen, Dünndarm, Gebärmutter, Bauchspeicheldrüse oder Harnwegen.
Folglich gehören zu den nötigen Vorsorgeuntersuchungen beim Lynch-Syndrom außer regelmäßigen Darmspiegelungen auch Magenspiegelungen und gynäkologische Untersuchungen.
Die Vererbung des Lynch-Syndroms erfolgt autosomal-dominant. Das heißt, das betroffene Gen liegt auf einem der nicht-geschlechtlichen Chromosomen (also nicht auf dem X- oder Y-Chromosom). Da die Vererbung dominant ist, reicht bereits eine einzige veränderte Genkopie von einem Elternteil aus, um das erbliche Tumorsyndrom auszulösen.

Eine Fifty-Fifty-Chance
Da Julians Vater eine mutierte sowie eine gesunde Version eines dieser Mismatch-Reparatur-Gene zu besitzen scheint, besteht eine Wahrscheinlichkeit von 50%, das mutierte Gen an seine Kinder weiterzugeben.
Allerdings führt selbst das Vorliegen eines mutierten Mismatch-Reparatur-Gens nicht immer zu einer Krebserkrankung. Etwa 20% der Träger eines mutierten Gens bleiben selbst gesund. Das mag ja ganz tröstlich klingen, aber selbst diese „Glückspilze“ können nicht verhindern, dass die Mutation eventuell an ihre Kinder weitergereicht wird. So weit, so ungut.
Aber, wie immer in meinen Blogs, gibt es Lösungen (sonst würde ich gar nicht darüber berichten). Kurzkettige Fettsäuren (SCFA: Short Chain Fatty Acids) entfalten grundsätzlich eine starke präventive Wirkung bei Krebserkrankungen, allen voran auch bei dem hier beschriebenen Lynch-Syndrom.
Kurzkettige Fettsäuren wie Butyrat, Propionat und Acetat sind essenzielle Stoffwechselprodukte, die von Darmbakterien bei der Fermentation von Ballaststoffen gebildet werden. Sie spielen eine zentrale Rolle in der Darmgesundheit und Immunmodulation und haben einen maßgeblichen Einfluss auf die Entstehung und Entwicklung verschiedener Krebserkrankungen.
Langes Leben mit kurzkettigen Fettsäuren
Insbesondere das Butyrat dient als primäre Energiequelle für die Zellen der Darmschleimhaut. Es stärkt die Darmbarriere, wirkt entzündungshemmend und fördert die Apoptose, also den programmierten Zelltod, von Krebszellen. SCFA sind maßgeblich an der Gen-Regulation beteiligt, und zwar in allen Körperzellen!
In großen Studien (wie der CAPP2-Studie**) wurde die Rolle von resistenter Stärke (einem starken SCFA-Produzenten) bei Lynch-Syndrom-Patienten untersucht. Demnach unterstützt eine tägliche Dosis von 30 Gramm resistenter Stärke die krebshemmende Wirkung von Butyrat. Um aber die SCFA-Produktion im eigenen Mikrobiom zu verbessern, ist eine ballaststoffreiche Ernährung unabdingbar.
Resistente Stärke gehört zu den Polysacchariden (Vielfachzucker) und bildet sich aus gekochtem, abgekühltem Getreide. Ein Hoch auf den Kartoffelsalat – ohne Mayonnaise selbstverständlich. Allerdings liegt die Ausbeute der resistenten Stärke nur bei 15%. Aber immerhin.

Es gibt noch mehr wichtige Quellen für das Lieblingsfutter jener Darmbakterien, die SCFA bilden. Dazu zählen Mehrfachzucker wie Fructo- (FOS) und Galacto- (GOS) Oligosaccharide. Mehrfachzucker sind reichlich enthalten in:
- Bananen
- Tomaten
- Knoblauch
- Zwiebeln
- Milchprodukten
- Hülsenfrüchten
- Roter Bete
- Spargel
- Chicorée
- Artischocken
- Schwarzwurzeln
- Lauch
Ein ausgewogenes Verhältnis dieser Mehrfach- und Vielfachzucker als Futter für unsere SCFA-Produzenten finden wir in dem Präbiotikum OMNi-LOGiC® Plus. Mein Rat: Langsam einschleichen mit einer Messerspitze pro Tag, dann alle drei Tage die Dosis steigern. Die Bakterien, die SCFA produzieren, müssen sich erst vermehren können. Die eigentliche Dosis liegt dann bei 3 x 5 g. OMNi-LOGiC® PLUS sollte über einen längeren Zeitraum eingenommen werden.
Im Übrigen sind Vitamin D3 und SCFA „best buddies“. Insbesondere Butyrat und Propionat stimulieren den Vitamin-D-Rezeptor (VDR) in den Körperzellen. An den VDR, der als intrazellulärer Transkriptionsfaktor fungiert, dockt das Vitamin D an, und zwar in seiner aktiven Form (Calcitriol). Den VDR findet man in fast allen Körperzellen, wo er die Aktivität Hunderter Gene steuert – auch solche, die für das Immunsystem und die korrekte Zellteilung essenziell sind. Das Wachstum darmgesunder Bakterien, die SCFA produzieren, wird wiederum durch Vitamin D3 gefördert. Eine Win-Win-Situation also.
Auch FAP liegt in der Familie
Weniger häufig als das Lynch-Syndrom, aber ebenfalls verantwortlich für viele Darmkrebsfälle ist die Familiäre Adenomatöse Polyposis, kurz FAP. Bei diesem erblichen Tumorsyndrom handelt es sich um eine Mutation im sogenannten APC-Gen, das die Bildung von (zu) vielen Polypen im Darm begünstigt und gleichzeitig das Entartungsrisiko der Polypen erhöht.

Bei erwachsenen Betroffenen kann man bei einer Darmspiegelung davon ausgehen, mindestens 100 Darmpolypen zu finden. Da jeder davon potenziell einen Darmkrebs auslösen kann, liegt das Risiko für Darmkrebs bei fast 100%. Bei Betroffenen mit bestätigter Mutation wird deshalb im Verlauf häufig eine prophylaktische Entfernung des Dickdarms empfohlen.
Man mag sich gar nicht vorstellen, wie ein „normaler“ Stoffwechsel ohne die Metabolite der bakteriellen Bewohner des Dickdarms funktionieren soll, aber offenbar ermöglicht diese radikale Maßnahme den Betroffenen, gerade wenn sie schon in jungem Alter die Diagnose FAP bekommen, eine relativ normale Lebenserwartung. Die Vererbung der FAP erfolgt wie beim Lynch-Syndrom: autosomal-dominant.
Prävention nach allen Regeln der Zunft
Äußerst kontraproduktiv wäre (das gilt nicht nur für Risiko-Patienten wie Julian) die Entstehung einer Dysbiose des Darmmikrobioms, die schnell zu einem „Leaky gut“ führen kann! Der würde nämlich chronische Entzündungsprozesse begünstigen, die wiederum an der Entstehung von Darmkrebs beteiligt sein können. Ein gesundes Darmmikrobiom gehört folglich auch zu den wichtigsten Faktoren bei der Prävention von Darmkrebs. Merke:
Eine vielfältige, gesunde Darmmikrobiota auszubilden ist essenziell, und medizinisch relevante Probiotika stellen, neben Präbiotika, in jedem Fall eine zentrale Präventionsmaßnahme dar.
Was es mit dem Leaky-Gut-Syndrom auf sich hat, wird hier erklärt:
Heimatschutz für die Darmbakterien
Deshalb empfahl ich Julian auch die tägliche Einnahme eines Multispezies-Probiotikums mit elf wichtigen Bakterienstämmen: OMNi BiOTiC® Aktiv hat fünf Milliarden Bakterien aus elf Bakterienstämmen pro Portion. Die u. a. darin enthaltenen Bifidobakterien, Lactobazillen und Enterokokken gehören allesamt zur oberen Liga der unsere Gesundheit schützenden Darmbakterien!
Ich hatte in Julian einen aufmerksamen Zuhörer und war mir sicher, dass er meine Ratschläge befolgen würde – es stand ja auch viel auf dem Spiel für ihn. Was seine genetische Testung betraf, wollte er mich jedenfalls auf dem Laufenden halten.

So ein Erbe – so niederschmetternd es auch ist – kann man leider nicht einfach ausschlagen. Aber anstatt wie das Kaninchen auf die Schlange zu blicken, sollten wir alles beherzigen, was die Präventionsmedizin im Köcher hat. Von der Früherkennung bis zur Stärkung unserer Darmmikrobiota, der Heimat unserer bakteriellen Freunde …
Herzlich,
Ihre
Dagmar Praßler
* Name geändert
** https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9433960/
Titelbild: © Pixe-Shot @ shutterstock
In meinem Blog beschreibe ich regelmäßig Erfahrungen aus meiner Praxis, insbesondere den Verlauf einiger konkreter Behandlungen. Ich weise darauf hin, dass die beschriebenen Verläufe Einzelfälle sind und keine allgemein verbindlichen Rückschlüsse daraus gezogen werden können. Andere Menschen können anders reagieren, auch wenn sie die gleiche Behandlung erfahren. Neben den von mir beschriebenen Produkten gibt es fast immer auch weitere von anderen Herstellern.
Es handelt sich in den Beschreibungen um meine subjektiven Wahrnehmungen, ein Heilversprechen ist darin nicht zu sehen. Bei Beschwerden sollten Sie grundsätzlich ärztlichen Rat oder den einer Heilpraktikerin / eines Heilpraktikers einholen.
Im Wechsel zu den Berichten aus der Praxis widme ich mich hier aber auch (unter dem Rubrum „News“) aktuellen Studien, die ich für erwähnenswert halte oder einen direkten Bezug zum Mikrobiom haben. Auch hier handelt es sich ausschließlich um redaktionelle Beiträge.

