Dass wir Frauen ein ausgeprägtes Bauchgefühl haben, ist wohl unbestritten. Die Kehrseite der „weiblichen Intuition“ ist eine höhere Empfindsamkeit im Darmbereich, was leider häufig ein RDS zur Folge hat. Gründe dafür gibt es viele.
Es ist weder Magie noch Hexenwerk, wenn Frauen oft besser als Männer Mimik lesen und Emotionen deuten können. Darüber gibt es sogar Studien, in denen Frauen – obwohl es kaum nennenswerte biologische Unterschiede der Geschlechter im Gehirn gibt – ein lebhafterer Austausch zwischen den Gehirnhälften (Corpus Callosum) attestiert wurde.
Aber das ist noch nicht alles. Das ganze Geheimnis der weiblichen Intuition, die man auch als inneren Kompass bezeichnen könnte, liegt in der schnell(er)en Verarbeitung der Informationen durch das Unterbewusstsein. Merke: Intuition ist stets erfahrungsbasiert, und unser emotionales Gedächtnis ist im Bauchhirn zuhause!
Wenn wir also zum Beispiel das spontane Gefühl haben, wir sollten die Finger von etwas lassen, machen wir uns gar nicht bewusst, welche expliziten Erfahrungen aus der Vergangenheit uns davon abhalten. Doch dies nur als kleiner Exkurs, bevor wir uns dem Thema zuwenden, das leider auch unmittelbar mit dem ausgeprägteren Bauchgefühl von Frauen zusammenhängt: Sie leiden dreimal häufiger als Männer am Reizdarmsyndrom!
Diesem Phänomen hat sich dankenswerterweise ein US-Forschungsteam * gewidmet und u. a. festgestellt, dass die damit verbundenen „Beschwerden oft prämenstruell verstärkt“ seien, woraus sie schlossen, „dass das von den Ovarien vor der Ovulation vermehrt produzierte Hormon Östrogen an der Pathogenese (Krankheitsentwicklung, Anm. DP) beteiligt“ sein müsse.
Damit scheint auch klar, warum Frauen häufiger als Männer am Reizdarmsyndrom leiden: „Das Geschlechtshormon Östrogen steigert die Schmerzempfindlichkeit des Darms. (…) Schmerzspitzen gibt es vor der Ovulation (Eisprung, Anm. DP) und in der Spätschwangerschaft.“

Zur Überprüfung dieses Zusammenhangs wurden bei Mäusen „die Schmerzen durch Einleiten von Luft in den Enddarm ausgelöst“. (Darauf muss man auch erst mal kommen!) Dabei zeigte sich schnell: „Weibliche Tiere waren empfindlicher als männliche.“
Wenn Sie jetzt denken, damit hätte das Mausmodell geendet – Pustekuchen. „Die weiblichen Mäuse wurden beschwerdefrei, wenn ihnen die Ovarien entfernt wurden. Bei männlichen Mäusen wurde die Empfindlichkeit durch eine Exposition mit Östrogenen gesteigert.“
Mir gehen solche Versuche an Mäusen oder anderen Tieren immer sehr zu Herzen, aber man kann ihnen die medizinische Relevanz nicht absprechen! Hoffentlich ersetzt die KI schon bald diese Versuche – das wäre doch mal ein sinnvoller Einsatz. Doch zurück zum Thema:
Darmbakterien triggern die Schmerzreaktion
Worauf das Forscherteam in diesem Fall aufbauen konnte, waren die Ergebnisse einer früheren Studie, die gezeigt hatte, dass „die enterochromaffinen Zellen im Colon (genauer: im Epithelgewebe des Dickdarms, Anm. DP) an der Entstehung der Schmerzen beteiligt sind und dass die Weiterleitung auf die sensorischen Nerven durch den Neurotransmitter Serotonin erfolgt.“
Und noch etwas war dabei festgestellt worden: „Triggern ließ sich die Schmerzreaktion durch die kurzkettige Fettsäure Isovalerat, die von Darmbakterien gebildet wird.“ Was dann folgte, war die gezielte Suche nach „Östrogenrezeptoren in der Darmschleimhaut“, und dabei wurden sie bei den L-Zellen fündig. Diese „produzieren kein Serotonin, sondern Hormone, die u.a. an der Regulierung des Appetits beteiligt sind“. Auch gut zu wissen.

Bei der Entstehung von Schmerzen – etwa beim Reizdarmsyndrom – scheinen L-Zellen benachbarte EC-Zellen zu beeinflussen, was zur Freisetzung von Serotonin und zur Schmerzleitung führt. Es ist anzunehmen, dass Östrogen die Funktion dieser L-Zellen verstärkt, was die höhere Schmerzempfindlichkeit bei Frauen erklären könnte
Wie genau „die L-Zellen mit den EC-Zellen zusammenarbeiten“ und was eine Injektion von Östrogenen bei „Mäusen ohne Ovar“ ergab, liest sich wie ein kleiner Krimi, aber ich will hier gar nicht auf die einzelnen Schritte im Vorgehen der Forscher eingehen. Interessanter finde ich deren Vermutung, welcher „evolutionäre Nutzen“ sich dahinter verbergen könnte:
„Die in der Schwangerschaft vermehrt gebildeten Östrogene könnten verhindern, dass die Frauen durch verdorbene Nahrung die Gesundheit ihres ungeborenen Kindes gefährden.“ Als konkrete Maßnahmen zur Linderung der Symptome eines Reizdarmsyndroms zählen für die beteiligten Forscher der Verzicht „auf Nahrungsmittel, die die L-Zellen aktivieren“ bzw. Low-FODMAP-Diäten“. Über die Vorzüge einer FODMAP-armen Kost bei RDS- (und SIBO-) Patienten habe ich schon häufiger geschrieben, u. a. hier:
Eine entscheidende Rolle spielt hier sicher auch das Östrobolom, obwohl es nicht Gegenstand der Studie war. Das Östrobolom ist die Gesamtheit der Darmbakterien, die Östrogene metabolisieren und so den zirkulierenden Östrogenspiegel im Körper regulieren. Es beeinflusst maßgeblich die Hormonbalance, was Auswirkungen auf Gewicht, Haut, Stimmung und das Risiko für Erkrankungen wie Brustkrebs oder Endometriose hat.
Ein gestörtes Östrobolom kann zu Östrogendominanz oder -mangel führen. Die Bakterien produzieren Enzyme wie die beta-Glucuronidase, die Östrogene reaktivieren und zurück in den Blutkreislauf leiten. Ein gesundes Östrobolom wird durch ballaststoffreiche Ernährung, Probiotika wie das OMNi-BiOTiC® Aktiv und wenig Zucker unterstützt, wie Studien eindeutig zeigen. Das betrifft im Übrigen auch Männer!
Die Verbindung zwischen dem Darm und dem Gehirn – einschließlich der rechten Hirnhälfte – erfolgt über die sogenannte Darm-/Hirn-Achse, ein komplexes Kommunikationsnetzwerk. Die primäre anatomische Verbindung ist der Vagusnerv, einer der wichtigsten Hirnnerven, der direkt vom Hirnstamm bis in den Magen-/Darm-Trakt reicht. Eine lebenswichtige Verbindung – vor allem dann, wenn schnell eine Entscheidung gefällt werden muss, z. B. in einer Gefahrensituation, in der wir nicht erst stundenlang nachdenken können.

Also: Hören Sie bitte auf Ihren Bauch! Er gibt Ihnen die richtigen Entscheidungen vor. Falls Sie noch mehr Geschichten hören wollen, die Ihnen Ihr Darm erzählt, stellen Sie gern die Ohren auf für meinen Podcast mit k(n)ackigen Geschichten aus dem Darm.
Herzlich, Ihre
Dagmar Praßler
* Alle wörtlichen Zitate entstammen einem Artikel, der im Januar dieses Jahres auf dem Online-Portal des Ärzteblatt veröffentlicht wurde. © rme/aerzteblatt.de
Quelle: https://www.aerzteblatt.de/news/warum-frauen-haufiger-am-reizdarmsyndrom-erkranken
Titelbild: Montage aus © Fagreia @ shutterstock und Vectorium @ shutterstock
Reizdarmsyndrom
In meinem Blog beschreibe ich regelmäßig Erfahrungen aus meiner Praxis, insbesondere den Verlauf einiger konkreter Behandlungen. Ich weise darauf hin, dass die beschriebenen Verläufe Einzelfälle sind und keine allgemein verbindlichen Rückschlüsse daraus gezogen werden können. Andere Menschen können anders reagieren, auch wenn sie die gleiche Behandlung erfahren. Neben den von mir beschriebenen Produkten gibt es fast immer auch weitere von anderen Herstellern.
Es handelt sich in den Beschreibungen um meine subjektiven Wahrnehmungen, ein Heilversprechen ist darin nicht zu sehen. Bei Beschwerden sollten Sie grundsätzlich ärztlichen Rat oder den einer Heilpraktikerin / eines Heilpraktikers einholen.
Im Wechsel zu den Berichten aus der Praxis widme ich mich hier aber auch (unter dem Rubrum „News“) aktuellen Studien, die ich für erwähnenswert halte oder einen direkten Bezug zum Mikrobiom haben. Auch hier handelt es sich ausschließlich um redaktionelle Beiträge.







