DarmmikrobiotaHörsturzTinnitus

Irgendwann wurde das Pfeifen in seinem Ohr für meinen Patienten Florian* (34) unerträglich. „Ich hatte das schon seit einer Weile“, berichtete er, „aber ehrlich gesagt war ich ziemlich zuversichtlich, dass es auch wieder von selbst aufhören würde.“ Erst als das unangenehme Geräusch ihn dauerhaft begleitete, habe er sich doch zunehmend gefragt, was hinter dem Pfeifen im Ohr steckte. Und dann stellte er eine Frage, die mich fast „aus den Puschen warf“:

„Kann es sein, dass es etwas mit meinem Darm zu tun hat?“ Nicht, dass ich die Frage für abwegig hielt, ganz im Gegenteil. Aber ich erlebe es nicht oft, dass ein Patient von sich aus so einen Zusammenhang vermutet. Schon gar nicht, wenn eine Symptomatik vorliegt, die vordergründig nichts mit dem Geschehen im Darm zu tun zu haben scheint.

Meine Verblüffung blieb Florian nicht verborgen, aber ich strahlte ihn sogleich an und versicherte ihm, mir diesen möglichen Zusammenhang „nur zu gern“ mit ihm anschauen zu wollen. Bevor wir jedoch zur Ursachenforschung übergehen würden, wollte ich zunächst in die Phänomenologie von Ohrgeräuschen eintauchen. Das Thema betrifft schließlich viele Leidensgenossen, immerhin leiden zehn bis fünfzehn Prozent aller Menschen in Deutschland unter Ohrgeräuschen.

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Die wichtigste Unterscheidung betrifft die Art dieser Geräusche. Die objektiven können neben der betroffenen Person auch von ihrer Umwelt wahrgenommen werden. Die subjektiven Geräusche hingegen kann nur die betroffene Person selbst hören. 

Objektive Ohrgeräusche können beispielsweise pulssynchrone, rauschende Geräusche sein, die z. B. durch Bluthochdruck verursacht werden können. Diese Geräusche kann ein Arzt beim Abhören nämlich auch wahrnehmen. Ein einseitiges, subjektives Rauschen im Ohr, kombiniert mit einer Verschlechterung des Hörens, hört aber nur der Betroffene, und das kann ein Anzeichen für einen Hörsturz sein. Die unmittelbare Ursache dafür ist vermutlich eine reduzierte Blutversorgung der für das Hören entscheidenden Haarzellen im Innenohr.

Eine weitere Ursache für ein Ohrgeräusch kann eine Erkältung mit Minderbelüftung des Mittelohres sein, wobei die Druckverhältnisse im Ohr verändert werden, was zu einem rauschenden Ohrgeräusch führen kann. Außerdem kann ein Tinnitus durch den sogenannten Morbus Menière verursacht werden, der durch Attacken von Drehschwindel, Tinnitus und Hörverlust auf der betroffenen Seite gekennzeichnet ist.

Offizielle Ursache hierfür ist eine Stauung der Endolymph-Flüssigkeit im Innenohr, vermutlicher Auslöser ist anhaltender Stress. Insbesondere das lange Arbeiten am Computer kann einen Morbus Menière auslösen – die Wissenschat tut sich noch schwer, diesen Zusammenhang anzuerkennen.  

Bei Florian waren viele dieser Ursachen bereits von einem HNO-Arzt ausgeschlossen worden, weil weder im Mittelohr noch bei einem Hörtest Auffälligkeiten gefunden worden waren. Auch deshalb war er für andere Erklärungen aufgeschlossen. 

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Meistens sind die Ohrgeräusche durch den „typischen“ Tinnitus bedingt. Mögliche Ursachen dafür sind auch Verspannungen im Bereich des Kiefers und der Halswirbelsäule. Ein hartnäckiger Ohrschmalz-Pfropf im Gehörgang kann ebenfalls als Übeltäter angesehen werden. Ein weiterer wichtiger Risikofaktor für die Entstehung von Tinnitus ist aber STRESS.

„Das war auch meine erste Theorie“, bestätigte Florian. Gerade im letzten Jahr sei er beruflich doch sehr eingespannt gewesen. „Vor allem der ständige Zeitdruck vor der nächsten Deadline und die häufigen Dienstreisen haben mich belastet. Außerdem wird mein Berg aus Überstunden immer größer. Ich sehe das auch als Warnung, in Zukunft etwas besser auf mich zu achten“, bekannte Florian. Da musste ich ihm beipflichten, ist doch Stress als Ursache verschiedenster Erkrankungen bekannt.

Stressreduktion sollte für Florian daher nicht nur zur Therapie seines Tinnitus höchste Priorität haben. Zusätzlich empfahl ich ihm Entspannungstechniken wie progressive Muskelrelaxation oder autogenes Training. Diese sollte er nach dem Erlernen in seinen Alltag einbauen und so regelmäßig für kleine Entspannungspausen sorgen. 

Auch regelmäßige sportliche Aktivität stellt einen guten Ausgleich zum stressigen Alltag dar und kann sich positiv auf die Ohrgeräusche auswirken. Allerdings sollte man hier wissen, dass der Blutdruckanstieg zu einer kurzfristigen Lautstärkeerhöhung des Tinnitus führen kann. 

Normalerweise ist diese Veränderung allerdings nur von kurzer Dauer und sollte Betroffene nicht von sportlicher Aktivität abhalten. Falls das lautere Geräusch jedoch als unerträglich empfunden wird, empfehlen sich eher Sportarten mit geringerer Intensität wie z. B. Nordic Walking oder Yoga. 

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Tritt ein Tinnitus erstmalig auf, würde die Schulmedizin garantiert einen Therapieversuch mit Cortison-Präparaten erwägen – das ist mir nach einem Hörsturz auch schon so ergangen. Ganz fies: Die Spritze ging direkt ins Ohr!

Cortison ist durchaus hilfreich, hat aber auch Nebenwirkungen auf den Darm: Trotz der entzündungshemmenden Wirkung kann Cortison das Gleichgewicht der Darmmikrobiota verändern, Blähungen, Bauchkrämpfe oder Verdauungsprobleme sind dann die Folge. Deshalb: Kein Cortison ohne Multispezies-Probiotika wie z. B. OMNi-BiOTiC®10. Das ist das gleiche Lied wie bei einer Antibiose. Und das können Sie doch schon singen, oder?

Bei chronischem Tinnitus, der schon länger als drei Monate anhält, ist dies dann aber keine Option mehr. 

Eine andere Therapieoption könnte – vorübergehend – ein Hörgerät sein, um bestehende Einschränkungen des Gehörs auszugleichen. Aber damit stieß ich bei meinem Patienten auf taube Ohren: „Ein Hörgerät mit 34? Ich glaub’, ich spinne!“ Da Florians Hörtest jedoch unauffällig war, blieb er davon natürlich verschont.

Nach wie vor stellt Tinnitus leider ein ungelöstes klinisches Problem dar: Einige Behandlungen können manchen Betroffenen helfen, keine wirkt jedoch bei allen. 

In neueren Studien konnten immerhin eine veränderte Neurotransmitterproduktion und -aktivität sowie erhöhte Konzentrationen proinflammatorischer Zytokine bei Versuchstieren mit Tinnitusverhalten nachgewiesen werden.

Eine wesentliche Rolle bei dem Geschehen scheint aber tatsächlich – wen wundert’s? – die Darmmikrobiota zu spielen, und hier horchte mein Patient natürlich auf. Es geht dabei um nicht weniger als die Regulation des neuroendokrinen Systems (das unser Nerven- und Hormonsystem verbindet) über die Darm-/Hirn-Achse, um die Aufrechterhaltung der Immunhomöostase (also das dynamische Gleichgewicht unseres Immunsystems) und die Prävention chronischer Entzündungen. 

Was diese Achse sonst noch so drauf hat, lesen Sie hier:

Dazu muss man wissen, dass der Vagusnerv, der auch für die Regulation der Verdauung entscheidend ist, ein wichtiger Teil dieser Darm-/Hirn-Achse ist. Der Vagus ist der wichtigste Teil des parasympathischen Nervensystems, das wichtige Funktionen im Körper steuert. 

Während der Sympathikus für beispielsweise den Anstieg der Herzfrequenz bei Stress verantwortlich ist, steuert der Parasympathikus die Ruhephasen. Eine Aktivierung des Vagusnervs stellt zumindest eine Therapieoption bei Tinnitus dar, denn dies scheint unter anderem die Plastizität von Nervenverbindungen im Gehirn zu verstärken, auch im Bereich der Hörrinde.

Da der Tinnitus vermutlich durch eine fehlerhafte Entstehung von Signalen im Zusammenspiel von Innenohr und der für das Hören zuständigen Gehirnareale entsteht, kann eine „Neuverkabelung“ von Netzwerken in diesem Bereich hilfreich sein. 

„Das klingt ja interessant“, fand auch Florian, „aber wie aktiviere ich denn meinen Vagusnerv?“ Dafür gibt es verschiedene Methoden. Die Nervenfasern des Vagus laufen im Bereich des seitlichen Halses relativ oberflächlich und können durch leichte Massage stimuliert werden. 

Wissenschaftlich untersucht sind bisher vor allem elektrische Stimulatoren, die am Ohr befestigt werden und dort die Nervenfasern des Vagus aktivieren. Aber auch die manuelle Aktivierung durch kreisende Massage im Hals- und Ohrbereich kann sicher positive Effekte erzielen.

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So kompliziert hatte sich Florian das wohl nicht vorgestellt: „Ich dachte, da bekämpfen sich einfach gute und schlechte Darmbakterien“, gab er zu. Aber ganz falsch war seine Vorstellung nicht, denn wenn ein bakterieller Schlagabtausch zu einer Dysbiose der Darmmikrobiota führt, stört dies empfindlich die Darm-/Hirn-Achse und stimuliert einen Entzündungsprozess, der Tinnitus verursachen kann.

Mit einer souveränen Geste deutete Florian an, dass er wohl doch richtig vermutet hatte.

Um Florians Darmmikrobiota und besonders seine Darm-/Hirn-Achse zu stärken, empfahl ich ihm OMNi-BiOTiC® SR-9 mit B-Vitaminen, ein Multispezies-Probiotikum mit neun wichtigen Bakterienstämmen in Kombination mit den „Nerven-Vitaminen“ B2, B6 und B12. 

Dieses Probiotikum enthält spezielle Bakterienstämme, die helfen, die Darmflora zu regulieren, Entzündungen der Darmschleimhaut zu reduzieren, das Nervensystem zu stärken und die Stimmungslage zu verbessern. Die Bakterienstämme unterstützen die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn, was sich positiv auf das emotionale Wohlbefinden und die Stressresilienz auswirken kann. 

Mein Patient nickte wohlgefällig. „Hab’ ich es doch geahnt“. Ja, hatte er.

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Ich hatte aber noch mehr Tipps auf Lager: Zur Stärkung der Nervenzellmembranen erscheint die Einnahme vonPhosphatidylcholin sinnvoll.  Phosphatidylcholin ist ein Hauptbestandteil der Zellmembran. Es wird angenommen, dass es die Struktur und Funktion der Hörnerven positiv beeinflusst. META-CARE® Colon Lecithin beispielsweise wirkt auch noch auf das enterale Nervensystem – und den Vagusnerv als Bindeglied zwischen unseren beiden Gehirnen. Dem großen im Bauch und dem kleineren im Kopf.

Wichtig bei chronischem Tinnitus ist aber auch die Unterstützung beim Umgang mit dem dauerhaften Störgeräusch. Eine kognitive Verhaltenstherapie kann dabei helfen, besser mit dem nervigen Störgeräusch umzugehen und sich im Alltag weniger auf den Tinnitus zu konzentrieren. 

Neben einer Verbesserung der Lebensqualität können so auch weitere Folgen des Tinnitus, wie zum Beispiel Schlafstörungen oder depressive Symptome, reduziert werden.

Einen Versuch wert ist auch die Einnahme von Ginkgo-Extrakt. Dieser soll die Durchblutung im Innenohr fördern und kann so zumindest bei einigen Formen des Tinnitus hilfreich sein. Allerdings wären dabei hohe Dosen von 240mg pro Tag (was der empfohlenen Tageshöchstdosis entspricht) nötig, um einen Effekt zu erzielen. Auch Zink und Magnesium werden als hilfreich bei einem Tinnitus beschrieben. 

Florian war ganz zuversichtlich, als er meine Praxis verließ und versprach, mir schon bald zu berichten, ob sich sein Ohrgeräusch aufgrund der ganzen Maßnahmen bis dahin möglicherweise schon gebessert hätte.

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Wenn Sie, lieber Leser und liebe Leserin, mit diesen Tipps mögliche Ohrgeräusche eindämmen konnten, lassen Sie es mich bitte wissen. Ich bin ganz Ohr!

Es grüßt Sie herzlich
Ihre

Dagmar Praßler

* Name geändert

Titelbild: © Image Point Fr / shutterstock

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